6 Monate auf Reisen – Ein Zwischenbericht

Monte Alban Mexico Pyramide

Monte Alban, Mexico

Eine Reise ohne Ende?

6 Monate. Das sind 182 Tage. Eigentlich unglaublich, wie schnell doch die Zeit verfliegt. Man reist los, steht eben noch am Flughafen in Frankfurt und verabschiedet tränenreich die Familie. Die Verabschiedung von den engsten Freunden war ebenso tränenreich und plötzlich steht man dann am Gate und wartet auf den großen Flug. Den Flug in die Freiheit – in ein Abenteuer von unbegrenzter Dauer. Man weiß nicht, wann man zurück kommt. Ob man zurück kommt. Man weiß nicht, wann man die Familie und die Freunde wieder sieht und man realisiert es auch nicht richtig. Diese Ungewissheit kämpft ohne Erfolg gegen die Vorfreude, die überwiegt. Die Vorfreude auf eine Reise, von der man nicht weiß wohin sie einen führt und was sie einem bringt. 

Langzeitreise Abflug Frankfurt

Abflug am Frankfurter Flughafen im April 2018

Das deutsche „ICH-MUSS-NOCH“

Nach 6 Monaten haben wir uns gerade in einem kleinen Apartment in Playa del Carmen, auf Mexicos traumhafter Yucatan-Halbinsel, eingerichtet. In fünf Tagen geht es nach zwei Monaten in Mexico für uns weiter. Nach Chile. 

Was wir ziemlich schnell gelernt hatten war, dass wir langsam reisen müssen. Langsam reisen? Das heißt nicht unbedingt die langsamsten Fortbewegungsmittel zu wählen (auch wenn das manchmal unvermeidbar ist) sondern länger an Orten zu bleiben und ins dortige Leben einzutauchen. Auch wenn man ohne Rückflugticket startet und vermeintlich soooo viel Zeit hat wie man will, hat man doch immer das Gefühl etwas tun zu müssen – und das am besten schnell. Schnell alles sehen und vieles erleben. So sind wir das doch gewohnt aus Deutschland richtig? Man hat Termine, muss da hin und dort hin. Ob zur Arbeit, zum Arzt oder zum Kaffee mit der Freundin treffen. Alles MUSS eingehalten werden und will erledigt werden. Dabei ist so vieles was wir vermeintlich MÜSSEN, einfach nur freiwillig und uns quasi selbst als Pflicht auferlegt. Aber man will eben so viel wie möglich am Tag „erledigt“ haben. Man verpasst sich im Prinzip ja selbst seine Termine und versklavt sich sozusagen selbst und absolut bewusst.

Was macht man ohne Termine?

Nun hat man plötzlich keine Termine mehr. Ist in Ecuador oder sonst wo und völlig frei sich seine Zeit einzuplanen wie man möchte. Dann schlägt das Gewohnheitstier zu und sagt „mach dies, schau dir das an, plane den nächsten Ort, die nächste Reise“. Eigentlich unglaublich oder? Da ist man frei und will aber trotzdem alles verplant haben und das über Jahre hinweg antrainierte deutsche „Nutze-deine-Zeit-so-effektiv-wie-möglich“-Denken schlägt zu. Nach zwei, drei Wochen Gehetze durch Ecuador haben wir dann recht schnell realisiert, dass wir das dringend abschalten müssen. Länger wo bleiben. Im hier und jetzt sein und nicht in Gedanken schon am nächsten Ort – an der nächsten Sehenswürdigkeit, die man abhaken kann. Doch sowas braucht Zeit und muss erst „abtrainiert“ werden. Mittlerweile lassen wir uns mehr Zeit – genehmigen uns mehr Zeit für die schönen Orte und geniessen unsere freiwillige Freiheit.

Langzeitreise Peru Machu Picchu

Machu Picchu, Peru

Gutes Essen auf Reisen

Die ersten Wochen verbrachten wir bei einer Gastfamilie in Quito/Ecuador, während wir die Sprachschule besuchten und mal mehr, mal weniger fleißig Spanisch lernten.  So eine Gastfamilie, in unserem Fall eine Alleinstehende herzensgute Gastgeberin deren Kinder bereits aus dem Haus waren, ist schon was Schönes. Wir waren in einem riesigen Appartement mitten in der Großstadt Quito untergebracht. Zusammen mit einigen anderen Sprachschülern saßen wir jeden Morgen zum Frühstück zusammen und jeden Abend hatten wir tolle Gespräche mit der Gastgeberin und den Mitschülern.

Nun kann man sich ja leider nicht aussuchen was die Gastmutter als Halbpensions-Verpflegung für die Sprachschüler so zusammenrührt. Das Frühstück war super frisch und gesund – frische Croissants jeden Morgen vom Bäcker nebenan und köstliche frische Früchte und Avocados ohne Ende. Ein Traum. Auch abends legte sich Luli schwer ins Zeug und tischte uns 3-Gänge-Menüs mit Salat, Suppe und Hauptgang auf. Ganz oft aber leider viiiiieeel zu viel. Man will nicht ständig die Hälfte stehen lassen also haut man rein, so viel eben geht. Ist ja auch (meistens) sehr lecker. Nach 3 Wochen ist man aber ziemlich übersättigt und sehnt sich nach der Freiheit sein Essen selbst wählen zu können.

Collage mexikanisches Essen

Mexikanisches Frühstück (links) und Mittagessen

Raus aus der Gastfamilie und der Sprachschule — rein ins Reiseabenteuer darf und muss man sich dann selbst verpflegen. Sind wir ja auch so gewohnt, alt genug sind wir ja 😉 Schnell stellten wir dann fest, dass (fast) überall gesundes Essen aus frischen Zutaten (wir meinen Gemüse) megateuer ist. Man hat quasi beinahe überall in Südamerika die Wahl zwischen den einheimischen Gerichten – die hier aus gaaaaanz viel Fleisch und oft ebenso vielen Kartoffeln bestehen – dafür aber günstig und meist auch super lecker sind – und den (teuren) Restaurants die schlechte Spaghetti Bolognese und überteuerte Salate anbieten, die ihren Namen nicht verdient haben. Und obendrein auch noch teuer sind. 

Erkenntnisse aus der Küche

Da vermisst man dann doch die eigene Küche und die Möglichkeit selbst zu kochen. Das geht aber eben nur in Hostals die die Küchenmitbenutzung anbieten oder in Apartments, z.B. über AirBnB. Die Apartments mit Küche sind aber eben wieder teurer. Ein Teufelskreis. So oder so ist gesundes Essen auf Reisen einfach teurer. Mittlerweile haben wir uns also angewöhnt immer mal wieder statt eines kleinen Zimmers in Hostals ein kleines Apartment mit Küchenzeile anzumieten. Das bringt uns die Freiheit selbst zu kochen und hat etwas heimisches. Was man nach Monaten auf Reisen doch sehr zu schätzen weiß. Hätten wir vor der Reise aber nie gedacht. 

sucre apartement

Apartment in Sucre, Bolivien

Dauerurlaub oder Langzeitreisender?

Ja, was sind wir denn nun. Die einen sagen „Ihr macht ja nur Urlaub“ – die anderen sagen „Wird das viele Reisen nicht irgendwann langweilig?“. Hmm – Langweilig ist uns noch nicht geworden. Hin und wieder wenn wir länger an einem Ort bleiben (länger wäre so ca. 1 Woche) zieht es uns meist schon bald weiter. Wenn einem im Supermarkt um die Ecke der bolivianische Verkäufer mit Namen anspricht, will man irgendwie weiter. Macht man denn jetzt Dauerurlaub auf Reise?

tulum

Tulum, Mexico

Wir finden, so eine Langzeitreise ist kein Urlaub. Wir leben und wohnen – nur eben nicht dauerhaft am selben Ort. Aber Urlaub ist irgendwie ein komisches Wort. Bei Urlaub denkt man an All-Inklusive-Resorts am Meer – mit Clubatmosphäre und Cocktails den ganzen Tag (Was wir aber auch ab und zu zu schätzen wissen und in Mexico auch mal genossen haben 🙂 ) Aber als Langzeitreisender oder wie immer man das nennen mag, ist man die meiste Zeit von Cocktails und Strand weit entfernt. Zumindest so wie wir reisen.

Das Leben geht weiter 

– Auch ohne uns. Das ist etwas womit man sich vor der großen Reise gar nicht beschäftigt. Wen oder was lässt man da eigentlich zurück, in der Heimat? Die Freunde, die Familie, die Kollegen. Wen wird man vermissen und wer vermisst einen? Manches fällt einem schwerer als anderes. So bekommt man hin und wieder Meldungen von Freunden, die Nachwuchs bekommen. Wow! Die Freundin hat man verabschiedet – und bis man sich wieder sieht, wird sie ein Baby bekommen haben. Und man hat alles verpasst – keinen Babybauch gesehen (höchstens auf Fotos) und konnte sich nur über WhatsApp mit Ihr freuen. Das ist irgendwie traurig. Oder die süße kleine Nichte, die bei Abreise gerade mal ein Dreiviertel Jahr alt wahr. Auf einmal sieht man Videos auf denen sie plötzlich läuft und die Familie freut sich – aber ohne einen. Man ist eben doch weit weg. Manchmal zu weit. Das Leben geht eben weiter. Auch ohne uns. Wir können von weitem zwar teilhaben aber DA zu sein, ist eben doch was anderes.

Langzeitreise Cozumel

Cozumel, Mexico

„Und, bei euch alles ok?“

Na wie läuft’s bei euch? Versteht ihr euch (noch)? Das „noch“ wird nicht gesagt aber man kann es quasi fühlen. Ist auch ganz normal. Wir würden uns das auch fragen. Wie versteht man sich eigentlich, wenn man jeden Tag zusammen ist? Rund um die Uhr? Das ist etwas, was sehr selten geworden ist. Welches Paar hat schon das Glück jeden Tag von früh bis spät miteinander verbringen zu können? Das hat man höchstens mal im 3-wöchigen Urlaub, ein bis zwei Mal pro Jahr. Und danach sind doch einige froh wieder zu Hause zu sein oder am Arbeitsplatz die Ruhe und die Distanz zum Partner zu haben. Oder?

Natürlich kann man nicht vermeiden, dass ab und zu die Launen allgemein im Keller sind oder der Akku leer ist. Wenn die Anreise – wohin auch immer – beschwerlich war, das Hotel sich als hygienische Katastrophe entpuppt oder der Lärm uns zu schaffen macht. Nicht nur auf Reisen hat man solche Momente. Zu wissen wo man an seine persönlichen Grenzen kommt, die klare und ehrliche Kommunikation untereinander, das individuelle Ruhebedürfnis   zu kennen, sowie Geduld und Vertrauen zu haben, hilft uns. 

Also, mal ehrlich. Wir verstehen uns schon saugut. Dafür sind wir wahnsinnig dankbar und können unser Glück manchmal selbst kaum fassen. 

Wofür es sich lohnt

gespräch mit condor colca canyon peru

Colca Canyon, Peru

Warum nimmt man all die Strapazen und Anstrengungen einer so langen Reise auf sich? Klar, Reisen macht schon Spaß, aber es ist auch anstrengend. Also für was? Oh wei, da gibt es viel. Reisen macht einem so viel klar. Zum Beispiel was man WILL und was nicht. Was man BRAUCHT und was nicht. Was man überhaupt vom Leben erwartet. Wir haben beide mehr vom Leben erwartet als uns unser altes Leben, gefangen in der 40-Stunden-Arbeitswoche, geben konnte. Das war einfach nicht genug. Wir wollen so viel sehen, erleben – Gutes wie Schlechtes. Das ist es doch was LEBEN ausmacht. In so einem geregelten Arbeitsleben sind die Tage doch irgendwie immer gleich. Montag bis Freitag arbeiten. Samstag vom Arbeiten erholen, Einkaufen gehen, Auto waschen. Sonntag auf der Couch liegen. Vielleicht spazieren gehen. Aber nur, wenn man dazu die Kraft hat. Man erlebt so wenig was einen an Grenzen bringt. Und gerade „Grenzerlebnisse“ zeigen einem doch, dass man LEBT.

Mittlerweile ist es dunkel geworden in Playa del Carmen. Heute bekochen wir uns selbst – kein mittelmäßiges Restaurantessen. Das ist Luxus für uns und wir freuen uns über diese Kleinigkeit riesig. In ein paar Tagen fliegen wir nach Chile in ein neues Abenteuer. Das uns für mehrere Wochen trennt – über Landesgrenzen hinweg. Wir freuen uns darauf und werden berichten 🙂

Copacabana bolivien fähre

Copacabana, Bolivien

10 Kommentare

  1. Super schön geschrieben , Ihr habt alles Richtig gemacht, Bier drauf 🙂

    PS: War ne 41 Stunden Woche :p

    Schöne Reise genießt es auch die Ruhe

    Liebe Grüße
    Klaus

    • Papageientaucher

      Hey Klaus,

      vielen lieben Dank 😀
      Ja – alles richtig gemacht! Und noch keinen Tag bereut!!

      Ach, waren das 41 Stunden? schon fast vergessen… Gott sei Dank 🙂

      Liebe Grüße
      Jessy

  2. WOW!!!
    Mehr fällt mir gar nicht ein.
    Eins kann ich noch sagen: IHR FEHLT UNS DEFINITIV!!!
    Super geschrieben!!
    Spätestens jetzt versteht jeder, der diesen Artikel gelesen hat, warum ihr weggegangen seid. Ihr lebt euer Leben und euren Traum und wir wünschen euch nur das Beste für die kommenden Abenteuer!!
    Passt auf euch auf!!

    • Papageientaucher

      Liebe Meli,

      dankeschön 🙂
      Ihr fehlt uns auch.. Umso mehr freuen wir uns, dass ihr mitlest!

      Liebe Grüße
      jessy

  3. Guenter Martin

    Toller Bericht über eure Langzeitreise , wir freuen uns für euch und was ihr in diesem halben Jahr alles schon erlebt habt und denken oft an euch.😂

    Liebe Grüße
    Bettina u. Günter

    • Papageientaucher

      Wie lieb von euch 🙂 🙂

      Danke und schön, dass euch der Bericht gefällt!

      Liebe Grüße
      Jessica & Sebastian

  4. Nina Jeandree

    Hallo Herr Gessner, danke schön für Ihre Einladung zu Ihrem Reiseblog. Es macht wirklich sehr Spaß zu lesen. In Gedanken mach ich meine eigene Langzeitreise. Ich freu mich für Sie beide, dass alles gut läuft und drück die Daumen für die weiteren Monate. Schöne Grüße, Nina Jeandree (Stuttgarter)

  5. Robert Seitz

    Es ist ein Traum, Sie auf dieser Reise begleiten zu dürfen. Wunderbar geschrieben und ganz tolle Bilder. Viel Freude weiterhin und passen Sie auf sich auf.

    Es grüßt Sie herzlich Robert Seitz und Frau

    • Papageientaucher

      Vielen lieben Dank für das Kompliment! 🙂
      Schön, dass sie beide fleißig mitlesen!

      Liebe Grüße

  6. Alina Uhlmann

    Hallo Ihr Zwei,
    Ich finde es – ich finde dafür keine Worte – toll, was ihr macht. Als ich diesen Artikel gelesen habe, musste ich das ein oder andere mal schmunzeln und dachte mir „hmmmm erwischt bzw. woher weiß sie das“?!
    Ja, es stimmt, das Leben geht weiter und jeder lebt sein Leben so, wie er das möchte – freiwillig gewählt – ohne den anderen zu beurteilen. Mich hat es sehr berührt, was du geschrieben hast. Keiner hat das Recht dazu EUCH oder Andere zu be- oder verurteilen. Es klingt spannend und ich finde euch sehr mutig, weil ihr euch auf neue Abenteuer einlasst, ohne zu wissen, was auf euch zukommt. Ihr habt den Mut NEUES auszuprobieren und zu erleben.
    Eines kann ich euch aber sagen und da schließe ich mich Meli an, ihr fehlt und es kommen oft Situationen bei denen ich denke, da hätte ich dich liebe Jessy, gerne hier und dabei gehabt.
    Ich wünsche euch weiterhin tolle und neue Erfahrungen und bin gespannt von EUCH zu lesen.
    Liebe Grüße, Alina

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