Leben wie die indigenen Völker im Amazonas – Teil 2

Hier geht es zu Teil 1 unseres Erfahrungsberichts aus dem Amazonas – Leben wie die indigenen Völker im Amazonas Teil 1

Teil 2

Regenwald Amazonas Acre Brasilien

…. Das war vor 10 Tagen. Während ich in der Hängematte liege und Moskitos verscheuche, fällt mir meine Anreise wieder ein und ich bin heilfroh, dass doch alles wunderbar geklappt hat. Noch an meinem Ankunftstag habe ich Txana Ixa und seine Familie kennengelernt. Txana Ixa ist der „Paje“, der Schamane (Heiler) des Dorfes Altamira. Der Paje ist gleichzeitig der Häuptling, das Stammesoberhaupt. Bei einem Rundgang durch das Dorf wurde ich allen Familienmitgliedern von Txana Ixa vorgestellt.

Barfuß durch den Amazonas

Häuser im Dorf Altamira Huni Kuin Acre Amazonas Brasilien

Im Dorf Altamira, mitten im Amazonas in Brasilien

Der Boden besteht aus Wiese, Matsch und Tümpeln, die man durchqueren muss, um vom einen Haus zum Anderen zu kommen. Fast alle hier laufen barfuß oder maximal in Flip Flops durch das Dorf, also werfe ich kurzerhand Bedenken (ich bin ja schließlich im Amazonas !) und Gummistiefel über Bord und mache es wie alle. Bei 30 Grad, Sonnenschein und hoher Luftfeuchtigkeit fühlt sich barfuß auch besser an, als Socken und Stiefel, mögen sie noch so praktisch sein.

Zwei Stunden später war die Dorftour beendet und wir fahren mit dem Boot weiter, weg von dem Dorf Altamira, hin zu Sebastian’s Haus im Dschungel. Im Boot fiel mir dann auf, dass meine Füße übersät waren mit kleinen roten Punkten. Es müssen um die 50 pro Fuß gewesen sein. „Das sind Mückenstiche. Die jucken erst später“ teilt mir Sebastian mit. Beruhigend war das ja nicht. 

Fahrt auf dem Amazonas Brasilien Acre

Fahrt vom Dorf zur Hütte in der „Floresta“ mitten im Regenwald

Angekommen an Sebastian’s Hütte wurden eilig alle Hängematten aufgehängt und Essen gekocht. Hier im Regenwald wird es, sobald die Sonne untergegangen ist, innerhalb von Minuten stockfinster. Da Kerzen teuer sind in Jordâo und Taschenlampen nicht ewig halten, versucht man alles zu erledigen, so lange es hell ist, um dann mit dem letzten verbleibenden Licht in die Hängematte zu schlüpfen. Man steht auf, wenn es hell ist und geht ins „Bett“, wenn es dunkel wird. Eigentlich logisch, oder?

Hütte Regenwald Amazonas Acre Altamira Rio Ara

Das „Haus“ im Regenwald

Nach 10 Tagen im Amazonas habe ich mich schon an so einiges gewöhnt. Nicht aber an die Mückenstiche. Die kleinen Punkte auf meinen Füßen haben sich zu dicken Mückenstichen entwickelt. Sie jucken nicht – sie brennen wie Feuer!! Dagegen sind Mückenstiche von deutschen Badesee-Mücken ein Witz…

Maniok und Bananen für Alle

So ziemlich alles läuft hier ganz anders, als wir das aus Deutschland kennen. Alles ist Arbeit. Wenn man etwas essen will, kann man nicht einfach an den Kühlschrank laufen und sich etwas holen. Vorratshaltung, wenn auch nur über ein paar Tage, ist im Amazonas ohne Kühlschrank nur mit trockenen, geschlossenen Lebensmitteln möglich. Wer etwas essen will, kann also entweder Banane essen, oder macht zunächst einmal Feuer. 

Collage Fisch und Banane

Die Grundnahrungsmittel Fisch & Bananen

Das Feuer brennt hier den ganzen Tag. Eine der Frauen kocht immer gerade Maniok, ein kartoffelähnliches Gemüse oder Bananen. Bananen, Maniok und Fisch sind die Grundnahrungsmittel der Dorfbewohner. Da sich Sebastians Vorliebe für Bananen und Fisch sehr in Grenzen hält und meine für Kartoffeln und Kartoffelverwandte ebenso, haben wir uns in Jordâo mit Reis, Nudeln, Bohnen und Dosenmais eingedeckt. Mein erstes Frühstück hier besteht aus Farinah (Mehl aus getrocknetem, gemahlenem Maniok), frisch geschälten Erdnüssen (auch die wachsen hier) und Kochbananen. Das schmeckt fast wie heimisches Müsli, sehr lecker!

Collage Amazonas Dschungel Feuerstelle

Die Feuerstelle

Gegen Abend sind die Männer vom Angeln zurück und haben Fisch mitgebracht. Den werfen die Söhne des Bootsmannes dann direkt in die Glut des Feuers. Fünf Minuten später ist das Mittagessen fertig. Leider sind es kleine Fische die von Hunderten winzigen Gräten durchzogen sind. Als mir eine recht große im Hals stecken bleibt, muss ich würgen und denke ich ersticke. Der Gedanke, dass das nächste Krankenhaus in Rio Branco ist, ist nicht gerade beruhigend. Rio Branco liegt je nach Wochentag 1-3 Tage Anreise, bestehend aus Bootsfahrt und Flug, entfernt. Flugzeuge nach Rio Branco gehen nur Dienstag, Donnerstag und Samstag. Kurzum – ein denkbar schlechter Ort für eine Blinddarmentzündung oder Schlimmeres.

Amazonas Dschungel Früchte Machete ErfahrungAn meinem zweiten Tag im Amazonas Regenwald verließen uns dann Ixa und seine Familie. Sie fuhren zurück in ihr Dorf Altamira. Am 25.12. wollten sie zurück kommen. 

Heute ist der 29.12.18. wir sind jetzt seit 7 Tagen alleine in der Hütte am Fluss, die Villa „Floresta“. Aus dem Besuch am 25.12. wurde nichts, so dass wir „zwischen den Jahren“ komplett für uns waren. Vermutlich ist Ixa etwas dazwischen gekommen oder hat uns schlicht und einfach vergessen 🙂

Die Zeit ist hier im Amazonas relativ. Niemand schaut auf die Uhr. Die Menschen stehen am Morgen auf, sobald es hell wird. Dann wird gearbeitet, gekocht, gewaschen, Holz gehackt, Feuer geschürt usw. bis dann irgendwann die Sonne untergeht und die Menschen zum Schlafen wieder in ihren Hängematten verschwinden.  Während man tagsüber in der Hängematte liegend den Lauf des Flusses beobachtet und dem exotischen Vogelgezwitscher lauscht, vergeht die Zeit langsamer. 

Ausblick Hütte Amazonas Fluss Rio Ara Acre Brasilien

Abendstimmung am Amazonas

Es kreucht und fleucht im Amazonas Regenwald

Überhaupt hält man es tagsüber bei Sonnenschein wie auch bei tropischem Regen am besten in der Hängematte aus. Schattig mit ein bisschen Wind um die Nase und um die Moskitos, der Feind des friedlichen Lebens hier, fernzuhalten.  Hin und wieder dringen entfernte Motorengeräusche an die Ohren und man überlegt, ob man sich jetzt freuen soll oder nicht, wenn nach Tagen mal wieder ein Boot vorbei kommt oder sogar Besuch.

Hängematte Aussicht Floresta Rio Ara Acre Brasilien Amazonas

Aussicht auf den Fluss

Von unseren Hängematten aus können wir am anderen Flussufer kleine Affen beobachten. Eine ganze Horde von mindestens sechs bis sieben Affen. Sie schwingen sich von Bananenstaude zu Baum zu Bananenstaude und ihr helles Fell setzt sich vom allgegenwärtigen Grün ab. 

Sobald die Sonne sich dann blicken lässt, ist die Wiese hinter der Hütte übervölkert von sich sonnenden Echsen. Die Echsen sind perfekte Tarnungskünstler, denn man sieht sie nur wenn sie sich bewegen. Ihre Körper sind braun, grün, blau – wobei der Kopf braun ist, der Körper grasgrün und der Bauch blau. Kaum sichtbar auf dem Waldboden und perfekt getarnt.

Echse Amazonas Acre Regenwald Tarnungskünstler

Wir sehen dich… 🙂 Dieser Tarnungskünstler war ca. 30 cm groß

Collage Echsen Tarnungskünstler Amazonas

Insekt Amazonas Acre

Der Flusspegel steigt und fällt alle paar Tage. Je nachdem wie viel Regen gefallen ist steigt der Fluss an, manchmal innerhalb von einer Nacht über 2 Meter. Dann kann es vorkommen, dass von den Sandbänken unterhalb der Hütte nichts mehr zu sehen ist und der Fluss bedrohlich hoch erscheint. Das Wasser ist dann hellbraun, voller Holz, Geäst und Sand. Im Wasser Wäsche waschen, spülen oder Baden ist dann eine sandige Herausforderung. Regnet es einmal 4-5 Tage nicht, sinkt der Flusspegel so sehr, dass das Wasser ganz klar wird und ähnlich einer Lagune zum Baden einlädt. Die kleine Boote haben dann allerdings Probleme den Fluss entlangzufahren. An vielen Stellen ist das Wasser dann nur noch 10 cm tief.

Leben am Fluss Amazonas Acre Brasilien Vater mit Sohn beim Fischen

Ein Vater mit seinem kleinen Sohn auf dem Weg zum Fischen

Leben am Fluss Amazonas Brasilien Mädchen

 Leben am Fluss

Am Fluss spielt sich das halbe Leben ab. Die Männer fangen Fische mit Netzen aus dem Fluss. Schon die ganz kleinen Jungen werden mitgenommen zum Fischen. Die kleinen Flachboote mit Motoren werden teilweise schon von den ganz kleinen gelenkt. Unvorstellbar für uns. Die Frauen waschen die Wäsche im Fluss und spülen das wenige Geschirr das benutzt wurde. Am liebsten wird mit der Hand gegessen, alle aus einem Topf/Teller. Wobei Frauen und Männer getrennt essen. Für uns sehr ungewöhnlich. Die Töpfe sind schwarz verkohlt vom Kochen im Feuer und werden am Fluss mit Sand gespült. Als ich so Töpfe schrubbend im Wasser stehe, wird mir das erste Mal klar, woher der Begriff „Töpfe schrubben“ überhaupt kommt und wie anstrengend das ist. In unserer heutigen Gesellschaft schrubbt niemand mehr Töpfe – Geschirrspüler sei Dank.

Txana Ixa beim Fischen Amazonas Rio Ara Acre Brasilien Regenwald

Paje Ixa beim Fischen

Haus Floresta Amazonas brasilien Rio Ara Acre Altamira

Haus am Fluss – unser Zuhause auf Zeit im Amazonas Regenwald

Und dann waschen sich noch alle im Fluss – Frauen, Männer, Kinder. Die Kinder haben Spaß dabei und graben sich halb im Sand ein. In Ermangelung einer Dusche habe ich mich an Tag 2 dann auch in den Fluss gewagt. Wenn man einmal die Angstgedanken, welche einen vor im Fluss schwimmenden Schlangen, Piranhas und Blutegeln warnen, auf stumm schaltet, kann ein Bad im Rio Ara ganz schön sein. Ach ja, der Sand ist wie Treibsand. Am besten nicht daran denken, was einen um die versinkenden Füße im Sand so umzingeln könnte. 

Schwimmen im Amazonas Fluss Rio Ara Acre Brasilien

Doch gerade bei Sonnenschein wird es unerträglich warm und im Schatten fressen einen die Moskitos auf. Also doch lieber ein Bad im undurchsichtigen „gefährlichen“ Fluss. Sebastian hat übrigens während seiner 5 Wochen hier bevor ich angereist bin, so einige Piranhas und Wasserschlangen im Fluss gesehen. 

Gegen Abend kommt dann die Zeit der Libellen. Hunderte Moskitos müssen dran glauben, wenn die Libellen im letzten Licht des Tages um die Hütte sausen und sich an den Blutsaugern satt fressen. Da darf man sich, während man da sitzt und sich die Arme und Beine blutig kratzt vor lauter Stichen, doch einmal gehässig freuen. 

Haus am Fluss Rio Ara Acre Brasilien Floresta

Wenn die Libellen dann verschwunden sind und es beinahe dunkel ist, beginnt die Zeit der Fledermäuse. Große und Kleine jagen dann um die Bananenpflanzen und über unsere Köpfe hinweg. Ist die Sonne dann ganz verschwunden, wird es laut. Richtig laut. Viel lauter als den ganzen Tag über. Dann zirpt und pfeift alles was nachtaktiv ist. Das hört sich dann an, als würde der ganze Amazonas ein Nachtkonzert aufführen. 

Sonnenuntergang im Amazonas Regenwald Acre Brasilien

Sonnenuntergang im Amazonas

Die grüne Hölle

Heute an Tag 7 ohne Besuch aus dem Dorf, jucken die Mückenstiche besonders. Am Tag zuvor gab es keinen Regen, es war schwül und die Moskitos haben uns, allem „Off“-Moskitoschutz zum Trotz, aufgefressen. Ich habe mindestens 20 neue Stiche. Sebastian noch viel mehr. Die Moskitos sind das Schlimmste am Leben im Amazonas. Selbst durch lange Kleidung stechen sie durch, fliegen in Scharen um unsere Köpfe und in die Augen. Das ist das Ekligste an diesen Viechern. Sie fliegen in die Augen, mit voller Absicht, auf der Suche nach einem feuchten Ort um ihre Eier abzulegen. Sie fliegen in Augen, offene Wunden und Ohren. Die Stiche jucken so höllisch, dass man sich die Haut abziehen möchte. Man muss sich schon sehr zusammenreißen um die Moskitos nicht abgrundtief zu hassen und einen Wutausbruch zu bekommen. 

Amazonas Hütte am Fluss Acre Brasilien

Ein weiterer Feind des friedlichen Dschungellebens hier, sind die Ameisen. Ich hatte eigentlich nie etwas gegen Ameisen. Immerhin sind Ameisen erstaunliche Insekten, die das 40-fache ihres eigenen Körpergewichts tragen können. Generell tun Ameisen ja auch nichts Böses. Aber die Ameisen hier sehen den Menschen offenbar als eine Art Ungeziefer an, das entsorgt oder

nanas Piña Amazonas Brasilien Dschungelfrühstück

Ananas aus dem Wald – leckeres Dschungelfrühstück 🙂

zumindest bekämpft werden muss. Der Amazonas ist nun mal ihre Heimat. Sie krabbeln zunächst unbemerkt an einem hoch, egal wo man sitzt oder steht. Gehen dann in Hosen, Shirts, Unterwäsche und Socken (keine Ahnung wie sie durch Socken kommen…?!) und verbrennen einem anschließend die Haut.

Hat man sie dann bemerkt brennt die Haut schon wie Feuer und das 4 Stunden lang. Die Haut wird dick wie bei einem Mückenstich und juckt auch nicht weniger stark. 

Das Ende des Wartens 

Während wir so in unseren Hängematten liegen und den Fluss beobachten schallt es plötzlich über die Lichtung. Ein Warnruf, aber nicht von Vögeln. Wir bekommen Besuch. Sechs Kinder aus dem Dorf, von ganz klein bis Teenageralter sind die 1,5 Stunden aus dem Dorf Altamira zur Hütte gelaufen. Die Erwachsenen kommen mit dem Boot. Heute ist also Besuchstag. Das Ende des Wartens.

 

… aus Jessica’s Amazonastagebuch

2 Kommentare

  1. Sehr schöne Berichte von euch 🙂
    Euch gehts gut sieht man am lachen, behaltet es 🙂
    Schöne Reise

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.